Eva Degenhardt

„Kontinente“, Fensterbilder in der Kirche der Evangelische Kirchengemeinde Pesch

Hintergründe und Entstehung des Projekts „Kontinente“
Die ehemalige evangelische Jesus-Christus-Kirche in Köln Esch wurde von dem Architekten Wolfgang Schmidtlein in Zusammenarbeit mit Wolfgang Kommke entworfen und 1966 eingeweiht. Der außen und innen mit Ziegelsteinen verkleidete Gebäudekomplex war mit einem zweigeschossigen Turmbau, der zugleich Eingang und Durchgang zum Kircheninnenraum war, markant in Szene gesetzt. Dem Kirchenbau gingen lange und zähe Verhandlungen mit dem Bauamt der Stadt Köln voraus.
„Dank des Engagements des Presbyteriums und des Pfarrers konnte 2002 ein neuer Weg zur Beschaffung eines Kunstwerks beschritten werden, das Nachahmung verdient:

als ökumenisches Projekt entstanden in enger Zusammenarbeit zwischen dem Pfarrer, den Mitgliedern des Presbyteriums und Kirchenbesuchern für das Kirchenschiff vier figürliche Fenster unter dem Titel „Kontinente des Lebens“, deren Themenbestandteile von allen Beteiligten erdacht und durchformuliert wurden, begleitet von den Künstlern Eva Degenhardt und Roger Wefels. Die Letztgenannten setzten die Anregungen in künstlerische Formen um. Durch diese Gemeinschaftsarbeit ist gesichert, dass sich die Gemeindemitglieder von Anbeginn an mit der Arbeit identifizieren konnten.“ (aus einem Artikel des Kunsthistorikers und Stadtkonservators Dr. Johannes Ralf Beines)

Beschreibung der Fensterbilder
Die Mitte der vier längsformatigen Fensterbilder bildet jeweils ein klares Motiv, das den Betrachter auf das Thema einstimmt und ihn einlädt, die Kontinente der Ideen zu betreten. Um diese Gedankeninseln schweben im blauen Raum die vielen Worte und Bilder der Menschen, die mitgemacht haben. Symbole, die uns vertraut sind, doch auch ganz ungewöhnliche Bilder bilden ein Netz, das den weiten Himmelsraum nicht verdunkelt und unsichtbar, sondern ihn eher bewusst und belebt macht.

Das Fensterbild mit dem Titel: Visionen
Ein kleines Papierschiff ist auf einer leuchtenden gelben Insel – Blütenblätter einer Sonnenblume – gelandet. Dieser Kontinent ist nicht fest, sondern leicht und schwebend schichten sich die zarten Blütenblätter zu einem tragenden Grund. In dem blauen Raum um den Kontinent schwimmen Zeichen und Bilder, als wollten sie die Blüten tragen und zusammenhalten. Es sind oft sehr persönliche Bilder wie der kleine Korken, den ein Beteiligter des Projekts auf den Wellen des Meeres tanzen ließ. Für ihn bedeutet der Korken eine Vision der Freiheit.

Das Fensterbild mit dem Titel: Glaube und Handeln
Zwei Seidenbänder – gelb und blaugrün – schlingen sich umeinander und formen ein großes Unendlichkeitszeichen. In der Begegnung berühren sich die komplementären Farben und doch bleibt jede Farbe das, was sie ist. Die Bänder bilden den Kontinent des Glaubens und Handelns. Im lichtblauen Raum um diesen behütenden Kontinent findet man vielen Zeichen und Symbolen: ein Herz, eine Rose, ein Kreuz und immer wieder Hände, die „handelnd” die Welt gestalten.

Das Fensterbild mit dem Titel: Wissen
Unser Wissen ist vergleichbar einer kostbaren Perlenkette. Diese hat einen „roten“ Faden, wenn er reisst, verlieren die Erklärungen und Experimente ihren inneren Zusammenhang. Wissen hat keinen Anfang und kein Ende, wir haben es einem unendlichen Fortschritt unterstellt. Im Unterschied zu den anderen Kontinenten bildet das Perlenwissen keine Insel, sondern durchzieht eher wie ein immerwährendes Glasperlenspiel das Blau unserer Gedanken und Visionen. Die kräftigen Stengel einiger Rosen (durch)kreuzen die Kette der Wissensperlen. Wie Pfeile ragen die Stacheln in den Raum. Wissen ist immer zielgerichtet, spitz und scharf. Auch der Kontinent des Wissens wird von den vielen gemeinsamen Ideen getragen.

Das Fensterbild mit dem Titel: Endlichkeit Unendlichkeit
Federn, luftig und transparent, scheinen wie vom Wind zu einer kleinen Federinsel zusammengetragen. Die Insel ist so leicht und flüchtig, dass sie sich schon nach oben aus dem Bild hinausbewegt. Können wir die Unendlichkeit denken? In der Mitte der Federinsel schwebt eine Erdbeere. Diese Frucht gehört zur Familie der Rosengewächse. Das Besondere ist, dass die Erdbeerpflanze immer Blüten und Früchte zugleich ausbildet. Es gibt also keine Zeit des Absterbens, das Neue ist bereits vorhanden. Aus diesem Grund galt die Erdbeere im Mittelalter stets als ein Symbol für die Unendlichkeit. Unsere flüchtige Federinsel findet in diesem Symbol ihre Mitte. Statt Zeichen und Bilder ist dieser Kontinent umgeben von Begriffen. Abstrakt und dennoch vertraut öffnen die Begriffe Räume des Nachdenkens, Hoffens und Träumens.

Der Ort der „Kontinente“ heute
Am 28. Oktober 2018 lud die Evangelische Kirchengemeinde Pesch zum Entwidmungsgottesdienst der Jesus-Christus-Kirche in Esch ein. Nachdem drei Jahre vorher festgestellt worden war, dass die Gemeindezentren in Pesch und Esch stark renovierungsbedürftig sind, hatte das Presbyterium beschlossen, das Gemeindezentrum in Esch zu schließen und sich stattdessen auf die Räumlichkeiten in Pesch zu konzentrieren. Pfarrerin Sylvia Wacker und Pfarrerin Siegrid Geiger leiteten den Gottesdienst in der Jesus-Christus-Kirche und erinnerten an die bewegte Geschichte des Ortes.
Nach einer Befragung aller Gemeindemitglieder, welche „Dinge“ sie aus ihrem Kirchenraum in das neue Gemeindezentrum in Pesch mitnehmen wollen, entschieden sich viele Menschen dafür, dass die vier „Fensterbilder“ auch in dem neuen Kirchenraum leuchten sollen. Die vier „Kontinente“ hängen heute künstlich hinterleuchtet an den Wänden des Kirchenraums in Pesch und entfalten eine unerwartete und intensive Wirkung.